1. Einleitung


Lernen in 140 Zeichen? Ist das überhaupt möglich? Wie kann man als Lehrender mit Hilfe von kurzen Twitter-Nachrichten Lernprozesse wie Kollaboration, Reflexion und Diskussion anregen und Lernende bei der Recherche unterstützten? Können Lernende durch den Einsatz neuer, zeitgerechter Medien verstärkt motiviert werden? Stellen wir uns folgendes Szenario vor: Ein Projektseminar mit einem Dozenten und mehreren Arbeitsgruppen, die gemeinsam an einem Konzept für einen Praxispartner arbeiten. Die Gruppenmitglieder und auch die einzelnen Gruppen des Seminars müssen sich untereinander absprechen, um das gemeinsame Endprodukt zu koordinieren. Unzählige Fragen werden an den Dozenten und den Praxispartner gestellt. Das ergibt einen ziemlich großen Haufen an Emails mit Ende des Semesters. Und nun stellen wir uns dasselbe Seminar mit Twitter-Einsatz vor: Über Twitter können sich die Gruppen kurz und prägnant koordinieren, knappe Anfragen an den Dozenten und den Praxispartner stellen – Antworten sind schnell versandt. Zudem können die Seminarmitglieder per Twitter schnell und unkompliziert Recherchetipps und Links austauschen. Twitter könnte im Projektseminar so bei der Kollaboration und Recherche helfen.

Auf dieser Seite wird die Frage beantwortet, wie das Microbloggingtool Twitter effektiv in der Hochschullehre eingesetzt werden kann. Dazu wird ein Konzept vorgestellt, mit dem Twitter anhand von vier simplen Bausteinen in die eigene Veranstaltungsstruktur eingebaut werden kann. Zwei Beispiele, ein kollaboratives Projektseminar und ein eher freieres auf selbstständige Forschung konzentriertes Abschlussarbeitsseminar, illustrieren den Einsatz der Bausteine. Twitter-Einsteiger finden im folgenden Kapitel eine Einführung in die Microblogging-Plattform und ihre Funktionen. Wie wird Twitter genutzt und was für Inhalte werden dort publiziert? Und warum eignet sich die Plattform überhaupt für einen Einsatz in der Lehre? Einsatzmöglichkeiten von Twitter in der Lehre, Praxiserfahrungen sowie Bedingungen für den effektiven Einsatz von Twitter in die Hochschullehre werden unter den Punkten drei, vier und fünf dargestellt. Das Konzept „Wissensmanagement in 140 Zeichen“ wird ab Kapitel 6 erläutert und zwei Beispiele sowie ein Leitfaden zur Implementation der Bausteine in die eigene Lehrveranstaltung an die Hand gegeben.


2. Was ist Twitter?


2.1 Microblogging mit Twitter

Microblogging ist eine spezifische Form des Bloggens, bei der Autoren anstelle von Artikeln kurze Textnachrichten veröffentlichen können. Twitter ist die erste und größte Microblogging-Plattform. 2006 gegründet, kombiniert Twitter die Eigenschaften sozialer Netzwerke, Blogs, dem Abonnementservice RSS, Instant Messaging (sofortige Textvermittlung wie bspw. bei Skype) und SMS (Herwig et al., 2009; O`Reilly & Milstein, 2009). Herzstück der Twitterseite sind Kurznachrichten (die einzelnen Microblog-Artikel), die mit einer maximalen Länge von 140 Zeichen von den Twitternutzern veröffentlicht werden. Ursprünglich als Antwort auf die Frage „What are you doing?“ gedacht, zeigte sich, dass die Twitternutzer die Plattform für wesentlich mehr nutzten als simple Statusupdates wie „Anstehen beim Bäcker“. Twitterer kollaborieren, diskutieren, veröffentlichen und tauschen Links und Informationen aus (Herwig et al., 2009; Java et al., 2006; Honeycutt & Herring, 2009).

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2.2 Twitterfunktionen

Im Folgenden werden spezielle Funktionen und Begriffe im Zusammenhang mit Twitter
kurz erläutert. Genauere Informationen findet man unter der Twitterhilfe (http://support.twitter.com/groups/31-twitter-basics).

Timeline Die Nachrichten werden ähnlich eines Blogs in umgekehrt chronologischer Reihenfolge angezeigt. Zudem können die Nachrichten anderer Nutzer abonniert werden (Herwig et al., 2009).

Follow-Funktion Während das Abonnement in Blogs oft über einen speziellen Dienst (RSS-Feed) funktioniert, ist es bei Twitter Teil der Plattform. Um neben den eigenen auch die Nachrichten anderer Nutzer angezeigt zu bekommen, muss man diesen „folgen“ – ein „follower“ werden. Allerdings ist das Folgen nicht reziprokativ, Nutzer können anderen folgen, ohne dass diese wiederum ihnen folgen (ebd.). Dies erleichtert es, mit unbekannten Personen in Kontakt zu kommen, da man ihnen nicht, wie in anderen sozialen Netzwerken wie beispielsweise Facebook eine Freundschaftsanfrage senden muss, die sie akzeptieren müssen. Auch für die Nutzung von Twitter als Lehr-Lernmedium ist diese Funktion von großer Bedeutung: Lernende können – ohne die „Freundschafts-Barriere“ anderer Netzwerke – mit anderen Lernenden und Experten in bestimmten Forschungsgebieten in Kontakt treten, in einem großen Netzwerk recherchieren und sich austauschen. Andererseits kann durch eine „Friends“-Funktion auch wechselseitiger Kontakt entstehen (ebd.).

Profil Die Möglichkeiten bei der Anlegung eines persönlichen Profils sind im Gegensatz zu anderen Plattformen eher gering: Ein eigenes Profilbild, Name, Ort, ein Link zur eigenen Website und eine Selbstbeschreibung in 140 Zeichen. Nachrichten und Profil auf Twitter sind per Voreinstellung öffentlich. Über eine Einstellungsoption kann jedoch das eigene Profil geschützt werden, sodass es nur für einen festgesetzten Kreis an Nutzern sichtbar ist und Profil sowie Nachrichten nicht in der Twitter-Suche auffindbar sind.
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@-Reply Um eine öffentlich sichtbare Nachricht an einen bestimmten Twitter-Nutzer zu richten, fügt man in der Nachricht @username ein.

Hashtag (#) Mithilfe von tags (Etiketten, Schlagworten), lassen sich Texte oder Objekte inhaltlich ordnen. Einzelne Nachrichten werden mit einem hashtag (bspw. #uni) gekennzeichnet und daraufhin einem bestimmten Thema oder Event zugeordnet und somit sortiert. Um Twitter im Rahmen eines Seminars einzusetzen, würden die Studierenden ihre Nachrichten beispielsweise mit dem Hashtag #medienzoo kennzeichnen und so gruppieren.

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Twitter eröffnet unterschiedliche Möglichkeiten, Nachrichten zu veröffentlichen: Direkt auf der Twitter-Website, über SMS oder spezielle Twitter-Applikationen (Anwendungen, die es ermöglichen, das Microblogging-Tool auf dem eigenen Rechner, Smartphone oder Mobiltelefon zu nutzen). Diese unterschiedlichen Publikations- und Abrufmöglichkeiten machen Twitter zu einem sehr mobilen Dienst für schnelle, kurze und zeitnahe Informationen (Herwig et al., 2009).

2.3 Nutzung und Inhalte von Twitter

Über die Anzahl aller Twitter-Nutzer liegen keine offizielle Angaben vor, laut einer jüngeren Studie von Beus (2009) jedoch wurden bis Ende Oktober 2009 insgesamt 66 Millionen Profile registriert, wobei die größten Zuwachsraten von Februar bis April 2009 festzustellen waren (Herwig et al. 2009). Gemäß Beobachtungen der Webevangelisten (Webevangelisten, 2010) gab es in Deutschland im März 2010 circa 260.000 aktive Twitter-Nutzer. Aktiv im Sinne dieser Erhebung sind alle Nutzer, die mindestens einmal wöchentlich eine Twitter-Nachricht publizieren. Rechnet man diejenigen Twitterer, die seltener als einmal die Woche tweeten und diejenigen, die keinen öffentlichen Account haben zusammen, kommt man auf ca. 350.000 Twitter-Nutzer in Deutschland.

Die auf Twitter veröffentlichten Inhalte lassen sich gemäß Honeycutt und Herring (2009) in zwölf Kategorien einteilen: Kommentare und Fragen an eine bestimmte Person, Bekanntmachungen im Allgemeinen, Aufforderungen, Informationen für eine bestimmte Person, Informationen zum Eigengebrauch, Metakommentare über Twitter, Mediengebrauch (z. B. Musik hören), Meinungen, Kommentare zu Erfahrungen anderer, eigene Erfahrungen, Informationsanfragen und weiteres. Neben simplen Statusmeldungen darüber was man gerade macht wird Twitter also auch für kollaborative Prozesse und den aktiven Informationsaustausch genutzt. Für die Wissenschaft ist dies ebenfalls wichtig: Links zu interessanten Blogeinträgen und Zeitschriftenartikeln werden veröffentlicht, kurze Literaturempfehlungen gegeben, Informationen von Konferenzen gepostet und Fragen an die Twitter-Gemeinschaft gestellt.

Twitter gleich ausprobieren

http://twitter.com/


3. Twitter in der Hochschullehre


Mittlerweile wird Twitter bereits vereinzelt experimentell in der Lehre eingesetzt. Die Einsatzmöglichkeiten, die Twitter dabei bietet, stellen kreative Ergänzungen und Alternativen zum Frontalvortrag dar und werden von Studierenden häufig als positive Abwechslung aufgenommen. Ein häufiges Motiv von Lehrenden solch neuartige web 2.0-Anwendungen einzusetzen ist es, die Motivation und Mitarbeit der Studierenden mit neuen Mitteln zu steigern. Die wahrgenommene studentische Begeisterung für Web 2.0-Anwendungen soll dabei für den Unterricht genutzt und im Vergleich zu herkömmlichen E-Learning-Systemen so mehr Interesse für die Inhalte geweckt werden. Dabei ist sowohl die Organisation als auch der Zugang zu den digitalen Werkzeugen einfacher zu gestalten als dies bei herkömmlichen E-Learning-Plattformen der Fall war (Herwig et al. 2009, S. 28f.). (weiterlesen E-Learning 2.0)
Das Potential, das Twitter für die Hochschule bietet, liegt dabei in der wichtigsten Eigenschaft des Mediums: die auf 140 Zeichen beschränkte Länge der Meldungen. Die getwitterten Nachrichten enthalten nur die wesentlichste Information und die Nutzer sind gezwungen ihren Sachverhalt auf den Punkt zu bringen (Kerres&Preußler 2009, S. 8).

„As a tool for students or professional colleagues to compare thoughts about a topic, Twitter can be a viable platform for metacognition, forcing users to be brief and to the point – an important skill in thinking clearly and communicating effectively” (Educause Learning Initiative 2007, S. 2).

Einsatzmöglichkeiten von Twitter in der Lehre


Kollaboration Das studentische Arbeiten gestaltet sich zunehmend als naturgemäß kollaborativ (siehe kollaboratives Lernen), das durch das Aufkommen etlicher neuer (und häufig kostenfreier) Tools in den letzten Jahren einfacher denn je geworden ist (Horizont Report 2010). Twitter bietet als kostenfreies Tool vielfältige Möglichkeiten, Information und Wissen zu teilen und somit kollaboratives Arbeiten sowie Lernen zu ermöglichen. So eignet sich Microblogging als einfaches und rasches Verweissystem auf Publikationen, Dokumente, Blogs und Internetquellen, wobei nicht nur Verweise, sondern auch beschreibender Kontext mitgeliefert werden. Beispielsweise können durch das Verschicken von lernrelevanten Links dynamische Linksammlungen entstehen, die in Kursen als eine Art digitaler Reader genutzt werden können (vgl. Kerres&Preußler; Hofhues 2010). Durch die Follow-Funktion und das Anlegen von Gruppen eignet sich Twitter zur Gruppenkommunikation, so dass Studenten darin untereinander und mit ihren Dozenten kommunizieren können, z.B. simple Absprachen, Erinnerungen an Aufgaben, aber auch Nachfragen, Lesetipps etc. (Pfeil 2009). So schafft Twitter rund um jeden Nutzer ein soziales Netz, das eine intensive Vernetzung der Studenten miteinander, aber auch eine Vernetzung mit einer großen Wissenschaftscommunity ermöglicht (Hofhues 2010). Twitter hat hier den Vorteil, dass anders als bei der E-Mail-Kommunikation, das Antworten freiwilliger und schneller geht und durch eine kurze Nachricht eine schnelle Beantwortung möglich gemacht wird, ohne dabei bestimmte Leute direkt zu einer Antwort zu verpflichten (Spannagel 2009).

Reflexion und Diskussion Johnson et al. (2009) fanden in einer Untersuchung heraus, dass Blogs und Microblogs wie Twitter sich vor allem zur Reflexion von persönlichen und beruflichen Fragen eignen, um gemeinsam an einem Produkt zu arbeiten und zu forschen. Des Weiteren kann Twitter eingesetzt werden, um Seminarinhalte zu reflektieren und von Studenten- sowie Dozentenseite Feedback zu geben. Stieger und Burger (2009) nutzen Twitter beispielsweise zur „formativen Evaluierung“. Das heißt, die Studenten werden gebeten, jede Woche direkt nach einer Einheit Feedback abzuschicken. Hierbei können anonymisierte Profile verwendet werden. Diese Art der Evaluierung bietet gegenüber den abschließenden (summativen) Bewertungen zunächst den offensichtlichen Vorteil, frühzeitig auf Feedback reagieren zu können (zit. nach Herwig et al. 2009, S. 28f.). Microblogging kann ebenfalls als Reflexionstool für die Zeit zwischen den Lerneinheiten dienen, zum Beispiel zum Führen von studentischen Lerntagebüchern (ebd.). Eine weitere Anwendungsmöglichkeit von Twitter ist das Führen von fachlichen Diskussionen, die dank der 140-Zeichen-Beschränkung, auf die wichtigsten Aspekte und Fakten reduziert werden müssen. Twitter kann ebenfalls dazu genutzt werden, Studentenfragen während einer Lehrveranstaltung zu sammeln und am Ende der Stunde die wichtigsten Fragen zu diskutieren, ähnlich wie dies bereits bei Podiumsdiskussionen auf Konferenzen statt findet. Zudem können Fragen auch nach den Veranstaltungen noch über Twitter beantwortet werden (Kerres&Preußler 2009).

Öffentliche Wissenschaftskommunikation Hofhues (2010) erwähnt als eine wichtige Funktion von Twitter in der Hochschule, die Öffnung der Wissenschaft nach außen. Microblogging führt dazu, dass Inhalte spezifischen Öffentlichkeiten gezeigt werden und es somit neben dem von Kerres und Preußler (2009) in diesem Zusammenhang erwähnten Reputationsgewinn zusätzlich zu einer Diskussion und Reflexion des Geschriebenen kommen kann. Durch das Publizieren auf einer öffentlich zugänglichen web 2.0-Plattform im Rahmen von Lehrveranstaltungen öffnet sich der Verfasser einem breiteren, externen (Experten-)Publikum. Die Einbindung von Öffentlichkeit in die Lehre ermöglicht die Erzeugung einer praxisnahen Lernumgebung und fördert eine öffentliche Wissenschaftskommunikation, die bereits den Nachwuchswissenschaftlern einen Zugang zur Community ermöglicht (vgl. Hagenhoff et al. 2007) (web 2.0 und öffentliche Wissenschaftskommunikation).


4. Universitärer Einsatz von Twitter - Erfahrungen aus der Praxis


Wie wurde Twitter bereits im Universitätskontext eingesetzt? Ausgewählte Beispiele und Erfahrungsberichte von Dozenten der Hochschule Darmstadt, der University of Texas at Dallas sowie der HTWK Leipzig und der Griffith University in Brisbane finden sich im Folgenden.

4.1 Twitter im PR-Seminar

Thomas Pleil ist Dozent an der Hochschule Darmstadt, unterrichtet Online-Journalismus sowie Wissenschaftsjournalismus und testete 2009 mit seinen Studenten den Einsatz von Twitter im Rahmen eines PR-Seminars. Konkrete Vorgaben wie Twitter zu nutzen ist, gab es von Dozentenseite keine, da die Studenten erst einmal Twitter kennenlernen und ausprobieren sollten. Neben der Twitternutzung hatten die Studenten die Aufgabe, am Ende des Semesters ihre Erfahrungen in einer Reflexion niederzuschreiben.

Der komplette Erfahrungsbericht von Thomas Pleil: http://thomaspleil.wordpress.com/2009/03/03/twitter-in-der-lehre-ein-paar-erfahrungen/
Studentenstimmen zum Einsatz von Twitter im Seminar von Thomas Pleil: http://danyo-is-an-oj.blogspot.com/2008/01/twitter-im-studium-zwischenbilanz.html

4.2 Twitter als Diskussionstool

Um möglichst vielen ihrer 90 Studenten eine Chance zu geben, über den Inhalt ihrer Einführungsvorlesung für amerikanische Geschichte zu diskutieren und Fragen stellen zu können, ließ Frau Dr. Monica Rankin von der University of Texas at Dallas ihre Studenten ihre Anmerkungen und Fragen in Form von Twittermeldungen während des Unterrichts sammeln. Sie teilte die Studenten in Gruppen und bat diese, ihre Diskussionen mittels eines gemeinsamen Hashtags zu versehen; ihre Studienassistentin wählte während der Twitterdiskussion die interessantesten Fragen oder Anmerkungen aus, um diese in den letzten Minuten der Lehreinheit gemeinsam zu behandeln. Die Twittermeldungen aller Studenten konnten während der Vorlesung von allen Anwesenden über eine Twitterwall, die alle Meldungen chronologisch auflistete, gelesen und auch wieder kommentiert werden. Besonders ergiebig waren die Diskussionen, wenn sie mit weiteren (offline) Diskussionsmöglichkeiten kombiniert wurden.

Erfahrungsbericht von Dr. Rankin: http://www.utdallas.edu/~mar046000/usweb/twitterconclusions.htm
Videodokumentation zum Twitter-Einsatz an der UT Dallas: http://www.youtube.com/watch?v=6WPVWDkF7U8


Weitere Beispiele:




5. Bedingungen für den effektiven Einsatz von Twitter in der Lehre



5.1 Einführung/Testphase


Einführung in Twitter Eine Einführung in das Medium Twitter ist unerlässlich. Die Lernenden sollten Twitter, die Funktionen der Plattform sowie die Lernmöglichkeiten kennen und verstehen. Dynamik und die Einsatzmöglichkeiten in Bezug auf Diskussion, Recherche, Kollaboration und Reflexion müssen hervorgehoben und illustriert werden. Besonders der Aspekt der Öffentlichkeit von Lernprozessen durch Twitter muss bei der Nutzung von Twitter im Bereich der Hochschule näher gebracht werden, da die Studierenden sonst keinen Nutzen im Einsatz von Twitter erkennen werden (vgl. Kerres&Preußler 2009). Dafür sollten Studierende vom Dozenten oder einem erfahreneren Studierenden gecoacht werden und nicht selbst bei der Twitter-Nutzung ins kalte Wasser springen, da man für eine erfolgreiche Twitternutzung sich ein wenig auskennen muss und ein einfaches Ausprobieren eventuell motivationssenkend wirken könnte (Pleil 2009). Eine Möglichkeit könnte ebenfalls sein, dass Lehrende und Lernende den Einsatz von Twitter im Bereich der Lehre gemeinsam ausprobieren und über die Erfahrungen dabei reflektieren.

5.2 Art der Veranstaltung


Twitter als begleitendes Tool Twitter eignet sich in der Lehre eher als Zusatzmöglichkeit, um Prozesse zu begleiten und zu vertiefen, jedoch nicht als Hauptkommunikationskanal, dessen Nutzung die Noten der Studenten bestimmt (Hofhues, 2010).

Kommunikative und kooperative Ausrichtung Die Integration von Web 2.0-Elementen in die Lehre ist vor allem dort didaktisch sinnvoll, wo kommunikative und kooperative Lehr- und Lernformen im Fachbereich etabliert sind. E-Learning und somit auch Twitter kann hier sinnvoll unterstützen. Allerdings sollte immer über den Mehrwert des Einsatzes nachgedacht werden, damit auch die Studierenden einen Sinn hinter der Twitter-Nutzung im Seminar sehen können. Ein bloßes Ausprobieren einer neuen Technologie ohne didaktischen Benefit im Seminar kann motivationssenkend wirken (Mayrberger 2008, S. 166 zit. in Kresser&Preußler).

Projektbasierung Twitter eignet sich vor allem für projektbasierte Seminare. Möchte man Twitter aktiv in die Lehre einbinden, sollte man diese Form des Unterrichts stärker forcieren. Twitter kann vor allem Prozesse des selbstorganisierten Lernens begleiten. Und dies insbesondere außerhalb der Präsenzsitzungen im Seminar, um virtuelle Phasen zu überbrücken. Gemäß Hofhues (2010) funktioniert Twitter schlechter in einer klassischen Vorlesung oder in sehr klassischen Lehr-/ Lernszenarien.

5.3 Organisation der Implementation


Langfristiger Einsatz Twitter sollte über längere Zeit genutzt werden, um das volle Potential und den Nutzen zu erkennen (Spannagel 2009). Dies kann beispielsweise dadurch funktionieren, dass Twitter über die Semesterferien ausprobiert wird und anschließend im Seminar eingesetzt wird. Oder indem der Einsatz über mehrere Semester erfolgt, beispielsweise in einem nachfolgenden Seminar.

Situationsgenaue Wahl des Mediums Lernende und Lehrende sollten vereinbaren, welche Themen über welches Kommunikationsmedium besprochen werden sollen, um heikle Themen nicht für alle zugänglich zu machen. So können Microblogs wie Twitter kein Ersatz für E-Mails oder Foren sein (Kresser&Preußler 2009, S. 16). Twitter ist somit kein zentrales Kommunikationsmedium, sondern vielmehr eine Ergänzung zu bestehenden didaktischen und kommunikativen Möglichkeiten (Kerres&Preußler 2009). Kerres und Preussler (2009) betonen die Notwendigkeit, „dass die Beteiligten die spezielle Kommunikationssituation verstehen“ (S. 9) und auf die Gestaltung der Kommunikationsumgebung auch Einfluss nehmen können.
Microblogging ist für sie lediglich ein „zusätzlicher Baustein für den sozialen Austausch und die Gruppenbildung“ (S. 10) aus einem Bündel an Werkzeugen, zu dem sie außerdem E-Mail, Instant Messaging, Internet-Telefonie/Conferencing, Chat, Foren, Blogs und soziale Netzwerkseiten zählen. Ihre Empfehlung ist daher, eine Vereinbarung zwischen Lehrenden und Lernenden zu treffen.

Einschränkungen mitdenken Auch die Grenzen des Einsatzes müssen beachtet werden: Dies betrifft vor allem Fragen der Privatsphäre und des Datenschutzes, die bei einer öffentlichen Plattform wie Twitter reflektiert werden müssen. Sollen Studierende für die Arbeit im Seminar den eigenen Account benutzen oder einen neuen anlegen um ihre Privatsphäre innerhalb des Seminars zu schützen? Denn private Nachrichten, die auf dem eigenen Profil veröffentlicht werden, können von den anderen Seminarteilnehmern und dem Dozenten so ebenfalls gelesen werden. Ein weiteres Problem stellt die Authentifzierung von anonymisierten Twitter-Accounts dar: Wie wird sichergestellt, dass ein Profil tatsächlich einem Studierenden des Kurses zuordenbar ist? (Herwig et al. 2009) Mithilfe von Hashtags könnten Inhalte einem bestimmten Seminar zugeordnet werden, zum Schutz der Privatsphäre können anonyme Profile angelegt werden, die eventuell zusätzlich zu dem privaten Twitterprofil für das Seminar genutzt werden. Zudem kann das eigene Twitterprofil nur einer bestimmten Gruppe, beispielsweise den Teilnehmern der Lehrveranstaltung zugänglich gemacht werden.

Inhalte der Tweets Zwei große Herausforderungen stellt die Nutzung von Twitter dar: Wie schafft man es, dass nicht nur Zustandsbeschreibungen wie „Sitze gerade am Text über…“ veröffentlicht werden? Und wie trennt man zwischen Öffentlichkeit und Privatem? Jeder der twittert, muss sich bewusst sein, dass er Öffentlichkeit herstellt (Pleil), 2009). Hier zeigt sich insbesondere die Wichtigkeit einer guten und umfassenden Einführung. Zum einen in den Nutzen der Plattform für das studentische Lernen, zum anderen zu Aspekten der Öffentlichkeitsherstellung. Jedem Student sollte bewusst sein, dass (soweit kein geschütztes Profil angelegt wird) eine breite Öffentlichkeit auf die Inhalte der geposteten Nachrichten zugreifen kann.

Benotung Ein wichtiger Aspekt bei der Integration von Twitter in die Lehre ist die Kopplung der Twitternutzung der Studenten mit Leistungspunkten. So haben Erfahrungen aus der Praxis gezeigt, dass Studenten Twitter weitaus intensiver nutzen, wenn ein Anreiz in Form von Noten geschaffen wird (siehe Hofhues 2010). Hofhues (2010) ist der Meinung, dass eine rein intrinsische Motivation zur Nutzung digitaler Werkzeuge im Alltag bei einer Großzahl der Studenten aus mangelnder Erfahrung und Gewohnheit nicht vorhanden ist.


6. Wissensmanagement in 140 Zeichen – Ein Lehr-Lernkonzept


Das Konzept „Wissensmanagement in 140 Zeichen“ soll die Bandbreite des Einsatzes von Twitter in der Hochschullehre aufzeigen. Vier einfache Bausteine (Kollaboration, Recherche, Reflexion, Diskussion) für die Nutzung von Twitter in der eigenen Lehrveranstaltung werden vorgestellt. Zusätzlich wird die Implementation der Microblogging-Plattform in die Lehre anhand von zwei konkreten und deutlich unterschiedlichen Beispielen genauer illustriert. In beiden Szenarien, zum einen ein kollaboratives Projektseminar, zum anderen ein Abschlussarbeitsseminar, werden verschiedene Bausteine zur Twitternutzung verwendet und miteinander verknüpft. Im Projektseminar wird Twitter vor allem zur Unterstützung kollaborativer Prozesse genutzt, während bei dem eher offenen Abschlussarbeitenseminar Recherche und Reflexion im Vordergrund stehen.
Anhand der Beispiele lernen Sie so zwei vollkommen unterschiedliche Einsatzmöglichkeiten von Twitter in der Hochschullehre kennen. Eine genaue Vorstellung der einzelnen Bausteine hingegen ermöglicht, Twitter und die speziellen Funktionen, die das Medium in der Lehre erfüllen kann, auch in die eigene Lehrveranstaltung zu integrieren. Zudem wird ein grober Leitfaden für die Implementation von Twitter in die Veranstaltungsstruktur gegeben sowie Voraussetzungen für einen erfolgreichen Einsatz aufgezeigt.

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6.1 Bausteine zum Einsatz von Twitter


Je nach Seminarart, lässt sich Twitter zur Unterstützung ganz unterschiedlicher Lernprozesse einsetzen. Die folgenden Bausteine geben einen Einblick, für welche Zwecke eine Twitternutzung sinnvoll und hilfreich sein kann. Für die eigene Lehrveranstaltung kann so, in Anlehnung an die zwei folgenden Beispiele, eine individuelle Lösung gefunden werden.


Allen Bausteinen voran geht eine Anmeldung bei Twitter: Die Studierenden sowie der Lehrende eröffnen einen Twitter-Account (bzw. benutzen ihren bestehenden oder eröffnen zusätzlich zum bestehenden einen weiteren Account, der nur für dieses Seminar genutzt wird). Der eigene Twitter-Account kann weiterhin privat genutzt werden, Inhalte für das Seminar werden lediglich mit einem Hashtag, beispielsweise #TwitterseminarAugsburg versehen. Alle Nachrichten, die mit diesem Schlagwort gekennzeichnet sind, werden so gebündelt gesammelt und können der Seminargruppe zugeordnet werden. Gruppeninterne Nachrichten können zudem mit einem weiteren Schlagwort wie #Gruppe1 versehen werden. Bei der Wahl des Hashtags ist es wichtig im Vorfeld zu überprüfen, ob dieser bereits von anderen Nutzern eingesetzt wird. Durch die Eingabe des gewünschten Hashtags in das Twitter-Suchfeld kann dies schnell und problemlos überprüft werden.


6.1.1 Baustein Kollaboration

Twitter kann in der Hochschullehre eingesetzt werden, um kollaborative Prozesse bei der Gruppenarbeit zu unterstützen (mehr zu kollaborativem Lernen). Twitter lässt sich hier vor allem zur Unterstützung von Kommunikation und Absprachen innerhalb des Seminars nutzen: Kurze Absprachen innerhalb einer Arbeitsgruppe, zwischen den einzelnen Projektgruppen, zwischen Dozent und Gruppe sowie mit dem Praxispartner sind schnell und prägnant möglich. Anstatt einer langen E-mail werden kurze Twitternachrichten verschickt, die oft auf Anredefloskeln verzichten und direkt zum Kern der Aussage kommen. Dies erleichtert und beschleunigt die Kommunikation – vor allem mit einem externen Praxispartner, da dieser schnell und unkompliziert antworten kann. Die Inhalte von Tweets zur Förderung von Kollaboration können vielfältig sein: Studierende können kurze Fragen zum Seminarverlauf und der Aufgabe stellen, ihren momentanen Arbeitsstand und möglicherweise auftretende Probleme darlegen, Überschneidungen mit der Arbeit anderer Gruppen könnten so schnell vorgebeugt und unnötige Doppelarbeit vermieden werden. Linkvorschläge und Informationen können innerhalb der Seminargruppe untereinander ausgetauscht werden. Dozenten können aktuelle Hinweise geben und zeitnah über aktuelle Ereignisse berichten. Twitter kann außerdem zur Vorbereitung auf die nächste Seminarsitzung genutzt werden. Zudem kann Twitter bei der Liveberichterstattung von Konferenzen und Veranstaltungen zum Einsatz gebracht werden.

6.1.2 Baustein Recherche

Viele Nutzer geben an, Twitter vor allem wegen seiner großen Anzahl an verfügbaren Informationen zu nutzen. Diese Informationen sind jedoch nicht beliebig, sondern von Personen veröffentlicht, deren Nachrichten man abonniert hat, ihnen also in einer gewissen Art vertraut. Dies gestaltet die Recherche nach Informationen schnell und leicht. Studierende können Twitter so einfach zur Recherche nutzen, indem sie entweder über die Suchfunktion zu einem bestimmten Thema suchen oder Experten zu ihrem Lernthema folgen und sich mit ihnen austauschen. Ziel eines Twitter-Einsatzes zum Thema Recherche könnte sein, eine dynamische Linksammlung zu erstellen, die von Tag zu Tag wächst, sowie eine „Twitter-Liste“ mit Experten aus bestimmten Fachgebieten aufzustellen.

6.1.3 Baustein Reflexion

Als eine Art Miniaturblog kann Twitter auch auf Grundlage des selbstbestimmten und reflexiven Lernens (siehe reflexives Lernen und reflexives Schreiben) als Lerntagebuch genutzt werden. Reflexion ist für Lernprozesse von besonderer Bedeutung, der eigene Lernprozess sowie die Rahmenbedingungen werden evaluiert und können daraufhin angepasst und verbessert werden. Twitter kann hier folgendermaßen unterstützen:In kurzen Tweets reflektieren Studierende über den Stand ihrer Forschungsarbeit, möglicherweise auftretende Probleme und Lösungen sowie ihre eigene Arbeitsweise. Die Timeline dient so als eine Art virtueller Notizzettel für den Lernprozess. Ein weiterer Ansatz ist es, Twitter für kurze Zusammenfassungen zu nutzen: beispielsweise die eigene wissenschaftliche Arbeit auf 140 Zeichen zusammenzufassen – eine gute Übung, um Klarheit in die eigene Fragestellung zu bringen.

6.1.4 Baustein Diskussion

Twitter kann (eng zusammenhängend mit kollaborativen Prozessen) ebenfalls zur Diskussion genutzt werden. Innerhalb der kurzen Nachrichten ist man gezwungen schnell zum Punkt zu kommen, Diskussionen können so wesentlich schneller und gezielter geführt werden. Antworten werden in Echtzeit gegeben und erlauben so einen zeitnahen Dialog. Studierende können eine Diskussion mit anderen Lernenden anregen und Feedback einfordern. Aber auch auf Dozentenseite kann Livefeedback von den Studierenden eingefordert werden. Die Diskussionsanregungen sollten schließlich im Präsenzseminar vertieft werden, da in 140 Zeichen nicht genügend Platz für längere Ausführungen sondern nur für kurze Denkanstöße bleibt.

6.2 Zwei mögliche Szenarien

Zwei unterschiedliche Beispiele werden im Folgenden für die Einbindung von Twitter in die Hochschullehre genauer vorgestellt. Sie zeigen die Fülle an Einsatzmöglichkeiten für Twitter in der Lehre und bauen auf den im vorherigen Abschnitt vorgestellten Bausteinen für die Nutzung von Twitter auf.
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6.2.1 Twitter im kollaborativen Projektseminar (evtl. mit Praxispartner)

Das erste Beispiel sieht die Einbindung von Twitter im Kontext eines Projektseminars vor. Dabei handelt es sich um einen Seminartyp, in dem Studierende in Projektarbeit ein Konzept für einen Praxispartner gemeinsam erarbeiten müssen. Verschiedene Arbeitsgruppen arbeiten dabei Teile des Konzepts aus, die am Ende des Seminars zu einem einheitlichen Endprodukt zusammengefügt werden. Dies erfordert einen hohen Koordinationsaufwand – es müssen sich nicht nur die einzelnen Mitglieder in einer Gruppe untereinander abstimmen, sondern auch die Gruppen innerhalb des Seminars sowie die Seminarteilnehmer mit dem Dozenten und dem Praxispartner, für den das Endprodukt entworfen wird. Präsenztreffen und selbstständiges Arbeiten in der Gruppe wechseln sich in dem Seminar ab. Gerade für ein solches stark kollaboratives Seminar erweist sich eine mediale Unterstützung und damit auch der Einsatz von Twitter als Vernetzungs-, Kollaborations- und Wissensmanagementtool als hilfreich.

Seminarablauf Zu Beginn der Veranstaltung erfolgt eine grundlegende Einführung in das Medium Twitter, alle Seminarmitglieder werden aufgefordert sich, wenn nötig, einen Twitteraccount einzurichten und die Möglichkeiten von Twitter in einer kurzen Textphase zuhause auszuprobieren. Gerade in dieser Phase ist es wichtig, Studierende zu motivieren, beispielsweise indem man einen überzeugten Twitter-Experten einlädt. Anschließend beginnt die reguläre Seminarphase: Die Studierenden arbeiten während des Semesters in ihren Arbeitsgruppen, können sich jedoch mithilfe von Twitter mit den anderen Arbeitsgruppen über Probleme oder den neusten Stand der Ergebnisse austauschen, kurze Absprache mit dem Praxispartner halten oder organisatorische Fragen an den Dozenten richten. Vor allem Kollaboration und Diskussion werden durch den Einsatz der Microblogging-Plattform in dieser Art von Seminar gefördert und die Koordination zwischen den einzelnen teilnehmenden Akteuren erleichtert.

Organisation und Implementation Twitter wäre in diesem Szenario fest in der Seminarstruktur verankert. Die Nutzung von Twitter sollte mit einer zumindest geringen Zahl an Leistungspunkten verbunden (ein bis zwei Leistungspunkte) sowie an die Notengebung gebunden sein, um Studierende zur Beteiligung zu motivieren. Denkbar wäre beispielsweise, eine abschließende Reflexion über die eigene Twitternutzung am Ende des Semesters zu benoten. Eine abschließende gemeinsame Reflexion im Seminar oder schriftlich außerhalb des Seminars über die Twitternutzung sollte stets erfolgen.

6.2.2 Twitter im Abschlussarbeitenseminar

Um die Potentiale von Twitter hinsichtlich seiner Reflexions-, Feedback- und Diskussionsfunktion sowie die breite (wissenschaftliche) Öffentlichkeit, die Twitter ermöglicht, voll ausschöpfen zu können, sieht das zweite Beispiel die Nutzung von Twitter im Kontext eines Abschlussarbeitsseminars vor, in dem Studierende selbst (vielleicht sogar erstmalig) wissenschaftlich arbeiten, sich also aktiv in die Wissenschaftsgemeinschaft begeben. Hier spielen vor allem Peer-Review, die öffentliche Bewertung der Ergebnisse und die Recherche und Vernetzung mit Experten aus demselben Themenbereich eine große Rolle. Aber auch der Austausch und das Feedback anderer Lernender, die sich ebenfalls mit ihrer Abschlussarbeit beschäftigen kann durch den Einsatz von neuen Medien wie Twitter gefördert werden. Im folgenden Beispiel eines Abschlussarbeitsseminars stellen Studierende ihre Abschlussarbeiten vor und geben sich gegenseitig Feedback sowie Anregungen. Dabei könnte man Twitter als einen „Knowledge Blog“ in 140 Zeichen betrachten, der als Informationsspeicher genutzt wird, um Informationen zu sammeln und aufzubereiten, beispielsweise in Form von Linklisten, als Reflexionsmedium, um persönliche Erlebnisse und Erfahrungen im wissenschaftlichen Arbeiten zu dokumentieren und zu reflektieren sowie als Kommunikationsmedium, um Lernende und Experten zu vernetzen (Röll 2008). In diesem Kontext könnte Twitter auf unterschiedlichste Art und Weise hilfreich eingesetzt werden: In einer Art akademischem Tagebuch können Studierende ihre Gedanken zum Thema, dem momentanen Stand der Arbeit oder möglichen auftretenden Problemen formulieren. Twitter kann hier also als Miniaturblog oder Minatur-E-Portfolio gesehen werden, das durch Schreiben zur Selbstreflexion genutzt wird. Die Studierenden können sich außerdem über die „Follow-Funktion“ mit anderen Lernenden in derselben Situation vernetzen. Twitter kann als eine Art aktuelle dynamische Linksammlung fungieren, Empfehlungen zu interessanten Twitter-Accounts von Experten zur Verfügung stellen, sodass beispielsweise am Ende der Sitzung eine Twitter-Liste entsteht (evtl. thematisch geordnet), auf die Abschlusskandidaten zugreifen können, um für sie relevante Twitter-Nutzer ausfindig machen zu können. In Bezug auf die Nutzung von Twitter zur Recherche und Vernetzung mit Lernenden und Experten im weltweiten Netzwerk, sind Theorien zur Öffentlichkeit von Wissenschaft von Interesse. Während Twitter als Tool zur Selbstreflexion, zur Recherche und Vernetzung im Twitter-Netzwerk eher offen und auch über die Seminargrenze hinweg einsetzbar ist, wäre auch eine eher seminarinterne Nutzung von Twitter denkbar: Zur Vorbereitung der Präsenzsitzungen könnten die Studierenden vorher ihr Thema in 140 Zeichen zusammenfassen (dies allein ist schon eine gute Übung), während die restlichen Teilnehmer angehalten sind, in 140 Zeichen Feedback zu geben, spontane Gedanken zum Thema zu formulieren oder kurze Recherchevorschläge zu geben.

Seminarablauf Ebenso wie im Projektseminar erhalten die Studierenden zu Beginn des Seminars eine Einführung in das Medium Twitter. Hier sollte der besondere Nutzen von Twitter in Bezug auf Recherche, Feedback und Reflexion hervorgehoben werden. Innerhalb des Seminars kann Twitter eher offen und eigenständig sowie über die Seminargrenze hinweg im Austausch mit Experten oder auch seminarintern zur Vorbereitung der Präsenzsitzungen genutzt werden. Twitter erfüllt hier also die Funktion eines Reflexions-, Feedback-, Diskussions- und Recherchetools.

Organisation und Implementation Während der Twitter-Einsatz in ersterem Beispiel eventuell fest verankert sein könnte, ist er in diesem Szenario eher locker mit dem Seminar verknüpft. Einige kurze Aufgaben mit Twitter könnten verpflichtend sein, andere hingegen, wie das Führen eines akademischen Tagebuchs, hingegen nicht. Da jedoch bemerkbar ist, dass Studierende in der Vorbereitung und Durchführungsphase der Abschlussarbeit eher offen für unterstützende und die Arbeit strukturierende Maßnahmen sind, erscheint in diesem Szenario eine Nutzung auf freiwilliger Basis wahrscheinlich.

6.3 Implementation von Twitter in die Lehrveranstaltung

Die einzelnen Bausteine für die Nutzung von Twitter können mithilfe des folgenden Leitfadens in die eigene Lehrveranstaltung eingebunden werden.

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1. Vorbereitungsphase
2-4 Wochen vor Seminarbeginn
Am Anfang der Twitternutzung im Seminar steht die eigene Vorbereitung: Sie als Dozent müssen sich erst einmal mit Twitter vertraut machen – sofern Sie das nicht schon bereits getan haben. Dafür wird zuerst ein eigener Twitter-Account angelegt und die Microblogging-Plattform über mehr als eine Woche getestet. Beginnen Sie, interessanten Personen zu folgen, abonnieren Sie wissenschaftliche Accounts, die sie später als Beispiele für die Studierenden benutzen können. Schreiben Sie selbst Nachrichten und üben sich, Informationen auf 140 Zeichen zusammenzufassen. Idealerweise kommen Sie mit anderen Dozenten in Kontakt, die Twitter ebenfalls in der Lehre einsetzen.

2. Einführungsphase
Erste Präsenzsitzung
Nun beginnt die Seminarphase. Mit Vorstellung der Seminarstruktur müssen Sie auch Twitter als Kommunikationstool vorstellen. Wichtig dabei ist es, die Dynamik und den Nutzen von Twitter in der Lehre aufzuzeigen. Dafür eignen sich am besten eigene Beispiel, sowie Praxisbeispiele aus der Wissenschaftscommunity. Idealerweise laden Sie einen Twitter-Experten ein.

3. Testphase
1-2 Wochen ab Einführung
In der Testphase werden die Studenten angewiesen, einen eigenen Twitter-Account einzurichten, sofern sie noch keinen besitzen. Erklären Sie die Nutzung von Hashtags, damit die Tweets dem Seminar sowie den Gruppen eindeutig zugeordnet werden können. Gehen Sie auch auf die Privatsphäre-Einstellungen ein: Ein Profil muss nicht für jeden sichtbar sein, sondern kann auch auf einen bestimmten Nutzer-Kreis (beispielsweise die Seminarteilnehmer) eingeschränkt werden. Wir empfehlen, die Studenten anfangs ohne Vorgaben Twitter testen zu lassen. Danach geben Sie ihnen kleine Aufgabenstellungen, um konkrete Anwendungen auf Twitter zu testen. Dies können Rechercheaufgaben sein, die Anweisung bestimmten Personen zu folgen oder eine Diskussion anzuregen. Oder fordern Sie die Studierenden auf, die eigene Twitter-Testphase in kurzen Nachrichten zu reflektieren. Die Studierenden sollten genug Zeit haben, die Twitter-Tools in Ruhe auszuprobieren. Dies muss nicht in der Präsenzsitzung geschehen, sondern kann als Aufgabe zur nächsten Sitzung vorbereitet werden. Am Ende der Präsenzphase empfiehlt es sich, die Nutzung von Twitter im Seminarkontext gemeinsam zu reflektieren. Was für Erfahrungen wurden in der Testphase gemacht? Wofür scheint Twitter geeignet und wofür eher nicht? Je nachdem wie offen Sie in Bezug auf die Twitter-Nutzung in Ihrem Seminar sind, lässt sich hier auch in einer gemeinsamen Diskussion aufgrund der gemachten Erfahrungen entscheiden, wie und wofür die Studierenden Twitter im Seminar nutzen möchten. Dies steigert möglicherweise die Motivation zur Twitternutzung im Hochschulkontext, da die Studierenden die Einsatzmöglichkeiten selbst festsetzen.

4. Aktive Twitterphase
über das gesamte Semester hinweg
Für die eigentliche Arbeit im Seminar sollten die Studierenden nun gut genug mit Twitter vertraut sein. Twitter kann ab jetzt aktiv in die Lehre eingebunden werden durch Aufgabenstellungen und konkrete Anwendungsfälle.

5. Reflexionsphase
Letzte Präsenzsitzung
Mit Ende des Seminars sollten die Studierenden und Sie selbst über ihren Twitter-Einsatz reflektieren. Dabei sollten Vor- und Nachteile sowie die persönlichen Erfahrungen angesprochen werden und Nutzen für das Seminar sowie Kritik angebracht werden. Dies kann ebenfalls in Twitter geschehen, sollte aber auch, wenn bereits eine Twitter-Diskussion vorausgegangen ist, direkt persönlich im Seminar stattfinden oder in einer längeren schriftlichen Ausarbeitung festgehalten werden. Sie erhalten so ein Feedback für weitere Seminare.


7. Fazit


Das von uns entwickelte Konzept zum Einsatz von Twitter in der Hochschullehre ist vor allem theoriegeleitet und stützt sich auf eigene Erfahrungen mit Twitter im Seminarkontext sowie Interviews mit Experten. Praxisbeispiele zeigen jedoch bereits, wie Twitter in der Lehre genutzt werden kann. Twitter ermöglicht eine große Bandbreite an Einsatzmöglichkeiten in der Hochschullehre, die wir versucht haben, anhand zweier Beispiele zu illustrieren. Mit den Bausteinen, dem Implementationsleitfaden sowie den Bedingungen für einen effektiven Einsatz von Twitter in die Lehre soll eine Art Werkzeugkasten an die Hand gegeben werden, mithilfe dessen das Microblogging-Tool in die eigene Lehrveranstaltung integriert werden kann. Selbst Twitter-Einsteiger haben dadurch die Möglichkeit, eventuell nur einen kleinen Aspekt wie die Nutzung von Twitter zur Anlegung von Linksammlungen in die eigene Veranstaltung mit aufzunehmen und nach einiger Zeit den Einsatz mithilfe der Bausteine zu erweitern.
Einfach, kostenfrei und relativ unkompliziert in der technischen Einarbeitung: Twitter erscheint uns als eine gute Ergänzung zu bestehenden Kommunikationsmitteln in der Hochschullehre, mithilfe dessen die Vernetzung von Studierenden untereinander, Studierenden und Dozent oder Praxispartner sowie auch die Vernetzung mit Lernenden und Experten außerhalb des Seminarkontextes im Sinne einer öffentlichen Wissenschaftskommunikation unterstützt werden kann.

Ihnen und Ihren Studenten wünschen wir viel Erfolg und Spaß beim Ausprobieren!

Julia Hisserich und Jasmin Primsch


8. Verwendete und weiterführende Literatur



Educause Learning Initiative (2007): 7 things you should know about Twitter. URL: http://net.educause.edu/ir/library/pdf/ELI7027.pdf

Hagenhoff, S.; Seidenfaden, L.; Ortelbach, B.; Schumann, M. (2007): Neue Formen der Wissenschaftskommunikation. Eine Fallstudienuntersuchung. Göttinger Schriften zur Internetforschung, Band 4. URL: http://goedoc.uni-goettingen.de/goescholar/bitstream/goescholar/3184/1/fallstudien_wikom.pdf

Herwig, J; Kittenberger, A.; Nentwich, M; Schmirmund, J. (2009): Microblogging und die Wissenschaft. Das Beispiel Twitter. Steckbrief 4 im Rahmen des Projekts „Interacktive Science“. Institut für Technikfolgen-Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. URL: http://epub.oeaw.ac.at/ita/ita-projektberichte/d2-2a52-4.pdf

Hofhues, S. (2010): Twitter in der Hochschullehre. Interview im Rahmen des Seminars „Lernen mit web 2.0“ vom 16.06.2010. Universität Augsburg.


Johnson, L; Levine, A; Smith, R. & Stone, S. (2010): 2010 Horizon Report: Deutsche Ausgabe (Übersetzung: Helga Bechmann) Austin. Texas: The New Media Consortium.

Johnson, L; Levine, A; Smith, R. (2009): The personal web. In: The 2009 Horizon Report. Austin. Texas: The New Media Consortium. S. 19–22.

Kerres, M.; Preußler, A. (2009): Soziale Netzwerkbildung unterstützen mit Microblogs (Twitter). In: K. Wilbers; A. Hohenstein (Hrsg.): Handbuch E-Learning. Wolters-Kluwer. URL: http://mediendidaktik.uni-duisburg-essen.de/system/files/Soziale+Netzwerkbildung+unterst%C3%BCtzen+mit+Microblogs.pdf

Pleil, T. (2009): Twitter in der Lehre: Ein paar Erfahrungen. Blog-Beitrag vom 03.03.2009. URL: http://thomaspleil.wordpress.com/2009/03/03/twitter-in-der-lehre-ein-paar-erfahrungen/

Rankin, M. (2009): Some general comments on the „Twitter Experiment”. URL: http://www.utdallas.edu/~mar046000/usweb/twitterconclusions.htm

Spannagel, C. (2009), Interview, http://www.elearning2null.de/2009/04/28/lehre-online-seminar-zu-weblogs-und-twitter/

Röll, M. (2006): Knowledge blogs. Persönliche Weblogs im Intranet als Werkzeug im Wissensmanagement. In: A. Picot & T. Fischer (Hrsg.): Weblogs professionell. Grundlagen, Konzepte und Praxis im unternehmerischen Umfeld. Heidelberg: dpunkt.verlag. S. 95-110.